Sabine Mehne
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Der große Abflug

Sabine Mehne
Der grosse Abflug
Ostfildern, Patmos Verlag, 2016

Dieses 287 Seiten starke Buch ist Sabine Mehnes zweites Werk, in dem sie ihre Nahtoderfahrung und die Konsequenzen, die sich für sie daraus ergeben haben, reflektiert. Sie tut dies auf eine erfrischend offene und persönliche Art. So ist das Buch grösstenteils spannend zu lesen.
Auf eindrückliche Weise kommen bei ihr die Veränderungen in Persönlichkeit und Wertehaltungen zum Ausdruck, wie sie bei Nahtoderfahrenen häufig vorkommen: die Überzeugung, dass die Zeit, die man hier zur Verfügung hat, unendlich wertvoll ist, das Mitgefühl für andere, das Bedürfnis anderen Menschen nützlich zu sein und das Erleben der Verbundenheit mit allem. Dies schliesst ganz selbstverständlich auch die unsichtbare Welt mit ein.

So berichtet die Autorin von erlebten Nachtodkontakten, von hellsichtigen und telepathischen Fähigkeiten sowie von Vorahnungen.  Eindrücklich schildert sie auch eine bei ihr gewachsene Eigenständigkeit im Denken, die dem eigenen Erleben und Empfinden mehr Gewicht beimisst, als den Erwartungen der Umwelt. Damit kann sie sicher vielen Leserinnen und Lesern Mut machen, in einem guten Sinne sich selber zu lieben. Sabine Mehne nimmt Stellung und erzählt ihre Geschichte und begründet ihre Ansichten, ungeachtet einer möglichen Kritik. So fühle ich mich frei, eine solche anzubringen.
Häufig findet bei Nahtoderfahrenen eine Neubewertung auch traditioneller religiöser Vorstellungen statt, so auch bei ihr. Im Abschnitt Der Religion entwachsen (S. 50ff) schildert sie ihr Unbehagen mit dem christlichen Glauben, den sie bis zu ihrer NTE offenbar auf traditionelle Art lebte. Auf dem Hintergrund ihrer NTE, wo sie von einem Licht empfangen und sich bedingungslos geliebt fühlte, kommen ihr die Sündenvergebung durch Jesus Christus, sein Kreuzestod, Weltende, Wiederkunft Christi und Auferstehung der Toten unglaubhaft und «konstruiert» vor. Gerne nutzt sie die intellektuelle Unterstützung durch den in Netzwerk-Kreisen wohl bekannten Theologen Wennemar Schweer, dessen Mails sie in zustimmender Weise zitiert. Seine Jesus-kritischen Äusserungen gipfeln in der Formulierung «Christus kann nicht mehr als der ausserordentliche zentrale Glaubensinhalt angesehen werden.» (S. 54).
Wird hier nicht «das Kind mit dem Bade» ausgeschüttet? – Sicher nötigen die Nahtoderfahrungen einen zu einer Neubeurteilung diverser zentraler theologischer Inhalte. Man müsste also an der Theologie ansetzen, und nicht im Sinne Schweers an der «Entmythologisierung Jesu». So leicht kommt man nämlich an Jesus Christus nicht vorbei, was gerade auch viele NTE nahe legen. In meinem Buch  habe ich mehrere NTE mit Jesus-Begegnungen zitiert, und zwar nicht nur solche von Christen. Zudem hörte ich neulich in einem Vortrag einer geflohenen Iranerin, wie weit verbreitet Jesus-Begegnungen unter Muslimen offenbar sind. Vielfach soll schon die Frage umgehen: «Ist Dir der weisse Mann auch begegnet?».
Mehnes Abrechnung mit dem Christentum erstaunt insofern, als sie andere weltanschauliche Fragen, z.B. jene der Reinkarnation (S. 98ff), mit unvergleichlich viel mehr Zurückhaltung angeht. Schade, dass sie solche nicht in gleicher Weise dem «Ewig-Vater» (Prophet Jesaja 9,5) bzw. dem «Licht der Welt» (Johannes-Evangelium 8,12) gegenüber übt.  
Im nächsten Kapitel gibt uns die Autorin einen tiefen und äusserst wertvollen Einblick in den Lebensfilm, den sie anlässlich ihrer NTE erleben durfte. Die Offenheit, mit der sie dies tut, verdient grossen Respekt. Bemerkenswert (aber vielleicht nicht erstaunlich) ist, dass ihr belastende Teile aus dem Lebensfilm erst Jahre später wieder ins Bewusstsein kamen, wie der sexuelle Missbrauch, den sie als 9-jährige erleiden musste. Ganz deutlich kommt zum Ausdruck, wie sie die Beweggründe und Emotionen anderer Menschen in ihrem Lebensfilm spürte, so jene ihres Vergewaltigers, aber auch jene ihrer neugeborenen Kinder und die vieler anderer Menschen. Das Schlimme, das Schöne, das ganz Natürliche – alles ist eingebunden in eine grosse Liebe und in ein grosses Verstehen.
Im letzten Kapitel geht Sabine Mehne unter anderem auf die assistierte Selbsttötung ein, also Menschen, die sich eine tödliche Dosis eines Schlafmittels reichen lassen um sogenannt selbstbestimmt sterben zu können. Die Autorin befürwortet diese Methode zwar nicht, schreibt aber anerkennend: «Jene, die diesen Weg wählen, haben keine Angst vor dem Tod, so wie ich» (S. 255). Meiner Meinung nach urteilt sie hier vorschnell. Als Schweizer lebe ich in einem Land, wo diese Praxis legal ist und sich immer grösserer Beliebtheit erfreut. Meine Beobachtung lehrt mich, dass eine assistierte Selbsttötung keineswegs Ausdruck von Furchtlosigkeit vor dem Tod ist. Vielmehr ist sie motiviert durch eine ausgeprägte Furcht vor Schmerzen, Leiden, und vor allem durch die Angst, vor andern schwach und hilfsbedürftig zu sein. Ist das «selbstbestimmt»? Das letzte Kapitel ist im übrigen eher zu lang geraten. Die Botschaft der Autorin, dass sie keine Angst vor dem Tod hat, und dass wir uns alle vor dem Tod nicht zu fürchten brauchen, ist hinlänglich angekommen.
Bei aller Kritik - Sabine Mehne hat ein überaus wichtiges und wertvolles Buch geschrieben für alle, die sich auf ganzheitliche Weise mit Sterben und Tod auseinander setzen wollen. Es ist eine Fundgrube wertvoller Gedanken und  Erfahrungen und eigentlich ein «Muss» für alle in der Palliativmedizin Tätigen.

Dr. med Walter Meili
im Februar 2017